Band 12: Rationales und irrationales

Herdenverhalten - Sind Schafe klüger? (2001)

 

von M. Nöth und M. Weber

 

Vor dem Hintergrund der starken Kursschwankungen am Aktienmarkt

in den letzten beiden Jahren stellt sich die Frage, inwieweit

gleichgerichtetes Verhalten von Anlegern, Analysten und

Fondsmanagern rational begründbar ist. Irrationales Herdenverhalten

wird oftmals als Erklärung herangezogen, wenn für große

Kursbewegungen an den Finanzmärkten keine “offensichtlich” neuen

Informationen vorliegen. In der Studie Rationales und irrationales

Herdenverhalten – Sind Schafe klüger?” werden verschiedene Formen

des Herdenverhaltens klassifiziert und anhand von Beispielen analysiert.

Rationales Herdenverhalten liegt vor, wenn neue fundamentale

Informationen oder Rahmenbedingungen, wie z. B. die

Liquidation einer Position aufgrund drohender Insolvenz,

gleichgerichtetes Verhalten erzwingen. Beispielsweise führen

neue Informationen über eine verschlechterte Zahlungsfähigkeit von

Russland dazu, dass alle potentiellen Käufer weniger für die

Anleihen zahlen. Mit anderen Worten sinken die Kurse der

Anleihen als Konsequenz des rationalen, gleichgerichteten Verhaltens.

Gleichgerichtetes Verhalten von Fondsmanagern und Analysten

kann zudem unter Einbeziehung der relativ zur Gruppe erfolgenden

Vergütung rational sein, selbst wenn keine neuen fundamentalen

Informationen vorliegen. Sofern weder Informationen noch Rahmenbedingungen das gleichgerichtete Verhalten erklären können, liegt irrationales Herdenverhalten vor. Die im vergangenen Jahr oft verwendete relative Bewertung von Unternehmen auf der Basis der aktuellen Kundenanzahl ist nicht rational begründbar. Bei der Bewertung eines Telekommunikationsunternehmens spielt nicht nur die verwendete aktuelle Anzahl der Kunden, sondern auch dieWachstumsrate und das Nutzungsverhalten eine entscheidende Rolle. Wie die Erfahrung des vergangen Jahres zeigte, hat das resultierende irrationale Herdenverhalten zu signifikanten Fehlbewertungen geführt, die dann rationalerweise korrigiert wurden.

Der Anleger kann von diesen Forschungsergebnissen profitieren, in dem er sich bewusst macht, welches gleichgerichtete Verhalten aufgrund von neuen Informationen gerechtfertigt ist. Ausserdem sollten private Anleger vor jeder Investitionsentscheidung genau prüfen, ob die neuen Informationen nicht bereits in den Kursen enthalten sind. Eine kritische Distanz zu Analysteneinschätzungen und zur Anlagestrategie von Fondsmanagern reduziert die Gefahr, aufgrund von irrationalem Herdenverhalten Verluste zu erleiden.

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