Band 12: Rationales und irrationales Herdenverhalten Sind Schafe klüger?
von M. Nöth und M. Weber
Vor dem Hintergrund der starken Kursschwankungen am Aktienmarkt in den letzten beiden Jahren stellt sich die Frage, inwieweit gleichgerichtetes Verhalten von Anlegern, Analysten und Fondsmanagern rational begründbar ist. Irrationales Herdenverhalten wird oftmals als Erklärung herangezogen, wenn für große Kursbewegungen an den Finanzmärkten keine “offensichtlich” neuen Informationen vorliegen. In der Studie Rationales und irrationales Herdenverhalten – Sind Schafe klüger?” werden verschiedene Formen des Herdenverhaltens klassifiziert und anhand von Beispielen analysiert.
Rationales Herdenverhalten liegt vor, wenn neue fundamentale Informationen oder Rahmenbedingungen, wie z. B. die Liquidation einer Position aufgrund drohender Insolvenz, gleichgerichtetes Verhalten erzwingen. Beispielsweise führen neue Informationen über eine verschlechterte Zahlungsfähigkeit von Russland dazu, dass alle potentiellen Käufer weniger für die Anleihen zahlen. Mit anderen Worten sinken die Kurse der Anleihen als Konsequenz des rationalen, gleichgerichteten Verhaltens. Gleichgerichtetes Verhalten von Fondsmanagern und Analysten kann zudem unter Einbeziehung der relativ zur Gruppe erfolgenden Vergütung rational sein, selbst wenn keine neuen fundamentalen Informationen vorliegen. Sofern weder Informationen noch Rahmenbedingungen das gleichgerichtete Verhalten erklären können, liegt irrationales Herdenverhalten vor. Die im vergangenen Jahr oft verwendete relative Bewertung von Unternehmen auf der Basis der aktuellen Kundenanzahl ist nicht rational begründbar. Bei der Bewertung eines Telekommunikationsunternehmens spielt nicht nur die verwendete aktuelle Anzahl der Kunden, sondern auch dieWachstumsrate und das Nutzungsverhalten eine entscheidende Rolle. Wie die Erfahrung des vergangen Jahres zeigte, hat das resultierende irrationale Herdenverhalten zu signifikanten Fehlbewertungen geführt, die dann rationalerweise korrigiert wurden.
Der Anleger kann von diesen Forschungsergebnissen profitieren, in dem er sich bewusst macht, welches gleichgerichtete Verhalten aufgrund von neuen Informationen gerechtfertigt ist. Ausserdem sollten private Anleger vor jeder Investitionsentscheidung genau prüfen, ob die neuen Informationen nicht bereits in den Kursen enthalten sind. Eine kritische Distanz zu Analysteneinschätzungen und zur Anlagestrategie von Fondsmanagern reduziert die Gefahr, aufgrund von irrationalem Herdenverhalten Verluste zu erleiden.
